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So leben Hühner

Von der freien Wildbahn zur Käfigbatterie - Eine Wertung der Hennenhaltungssysteme hinsichtlich ihrer »Tiergerechtheit«

Weder die jahrtausendelange Haltung von Haushühnern noch die extreme Leistungszucht der Neuzeit haben zu grundlegenden Änderungen im Verhalten der Hühner geführt. Das Huhn ist sich treu geblieben, die Haltungsformen haben sich jedoch extrem gewandelt.


In der Natur
Unsere Haushühner stammen alle vom Bankiva-Huhn ab, einem auch heute noch in Südostasien lebenden Wildhuhn. Vor 6 - 8000 Jahren begann seine Domestikation. Haushühner und Bankivas verhalten sich sehr ähnlich.

In Indien beobachtet man sehr häufig, dass sich Angehörige der wilden Stammform mit ihren domestizierten »Nachfahren« in Dorfnähe mischen. Werden die Tiere gestört, fliehen die Haushühner zurück ins Dorf, die Bakivas in den Wald. Umgekehrt können selbst künstlich erbrütete Hybridhühner verwildern und sich in der Natur fortpflanzen.

Bankivas und verwilderte Haushühner leben meist in kleinen Gruppen, obwohl sie 80 und mehr verschiedene Artgenossen unterscheiden können. Jede Gruppe besteht aus einem dominanten Hahn, einer oder mehreren Hennen und Jungtieren. Hier herrscht eine stabile Rangordnung. Während die Hennen brüten und ihre Küken aufziehen, sondern sie sich innerhalb des Gruppenreviers ab. Dieses weist einen Durchmesser von 70 bis 150 Metern auf und liegt um den Schlafplatz, meist eine Baumgruppe, herum. In der Nähe befinden sich gute Futterquellen und Wasser. Die Reviere überlappen sich häufig und an ergiebigen Futterquellen vermischen sich die Gruppen auch.

Hühner verlassen ihre Schlafplätze vor Sonnenaufgang. Der dominante Hahn begleitet und sichert seine Herde bei der morgendlichen Futtersuche. Hühner ernähren sich von Samen, Keimlingen, Früchten, Beeren, Insekten und Würmern. Mit kratzenden und scharrenden Bewegungen der Füße legen sie den Boden frei, treten zurück und picken das Essbare auf.

In der Mittagszeit kommt die Gruppe zum Schlafplatz zurück, um sich ausgiebig zu putzen und zu ruhen. Besonders nach einer Schlechtwetterperiode legen sich die Hühner gerne zum Sonnenbaden hin und zwar so, dass möglichst alle Körperpartien besonnt werden.

Am Nachmittag starten die Hühner zu einem weiteren Futtergang. Futtersuche und Fressen werden immer wieder durch kurze Pausen unterbrochen, in denen die Tiere ruhen und sich putzen. In diese Zeit fällt auch das Staubbad, das dem Wasserbad einiger Singvögel entspricht und der Gefiederpflege dient.

Am späten Nachmittag sind die Hühner fast ausschließlich mit Futtersuche beschäftigt. Kurz vor dem Eintreten der Dämmerung kehren sie zu den Schlafplätzen zurück. Hühner übernachten gern auf möglichst hohen Plätzen, in der freien Natur oft auf Ästen in mehreren Metern Höhe.

Den wohl wichtigsten Abschnitt im Jahresablauf freilebender Hühner stellt die Brut dar. Verwilderte Haushühner und Bankivas legen je nach Futterangebot im Revier ein oder zwei Gelege im Jahr. Kurz davor wird die Henne unruhig und schreitet unter häufigem Gegacker hin und her. Schließlich entfernt sie sich von der Gruppe, oft in Begleitung des Hahns. Zunächst sucht sie eine geschützte Stelle unter Sträuchern oder zwischen Steinen für ihr Nest. Dort scharrt sie eine flache Mulde, setzt sich hinein und und pickt Halme und ähnliche Materialien auf, die sie hinter und neben sich deponiert.

Nach etwa einer Stunde hat sie ihr Ei gelegt - im Stehen. Danach rollt sie es mit dem Schnabel unter den Bauch, setzt sich und ruht für wenige Minuten. Schließlich verlässt sie das Nest und beginnt in einiger Entfernung davon zu gackern. Daraufhin eilt der Hahn herbei und führt die Henne zur Gruppe zurück. Die sechs bis acht Eier je Gelege stammen übrigens nicht immer von der gleichen Henne. Es kommt vor, dass mehrere Hennen ins gleiche Nest legen bzw. eine Henne in verschiedene Nester.

In den nächsten 20 Tagen entfernt sich die Henne nur mehr für kurze Zeit vom Nest. In regelmäßigen Abständen wendet sie die Eier. Dieser Wenderhythmus beeinflusst den späteren Aktivitätsrhythmus der Küken. Bereits in den letzten Tagen vor dem Schlüpfen nehmen die Küken untereinander, mit der Mutter und die Mutter mit den Küken stimmlichen Kontakt auf. Nach dem Schlüpfen werden die Küken 10 bis 14 Wochen lang von der Mutter geführt, gewärmt, vor Gefahren geschützt und auf Essbares aufmerksam gemacht.

Diese Familienbeziehungen erleben die Hühner in der modernen Hühnerhaltung nie. Die Küken werden im Brutschrank ausgebrütet. Die männlichen Tiere werden nach dem Schlüpfen sofort getötet, die weiblichen Küken wachsen in Aufzuchtfarmen ihrer Aufgabe entgegen, als Legehennen durchschnittlich ein Jahr zwischen 250 und 300 Eier zu legen und danach als Suppenhuhn zu enden.

 

Und so leben Hühner heute in der gewerblichen Legehennenhaltung


Im herkömmlichen Käfig

Die Hennen sind in Drahtkäfigen auf Schräggitter, und zwar in Doppelreihen, die mit den Rückwänden aneinanderstehen, in 4 bis 8 Etagen übereinander untergebracht. Ein typischer Käfig misst heute 50 x 50 cm bei einer Höhe von 40 cm vorne und 35 cm hinten. In der Regel werden in einem Käfig 5 Hennen gehalten. Vorgeschrieben ist eine Fläche von 450 qcm je Tier unter 2 kg bzw. von 550 qcm über 2kg. Fütterung, Wasserversorgung, Beleuchtung, Ventilation und Eientnahme sowie Abtransport des Kots sind vollautomatisiert. Lediglich 1 bis 2 Arbeiter »betreuen« Stallanlagen mit 100-300 000 Hennen.

Wenn man das Normalverhalten der Hühner kennt, wird deutlich, dass der herkömmliche Käfig ein extrem eingeschränktes und reizarmes Umfeld für die Hennen darstellt, das zu schweren Verhaltens- und Gesundheitsstörungen führen muss: Fliegen, Flattern, ja bereits Flügelschlagen und Streckbewegungen, Staub- und Sonnenbaden, Scharren und Aufbaumen sind gänzlich unmöglich, jeder Ansatz von Fortbewegung, Nahrungssuche und -bearbeitung, Nestverhalten und ungestörte Eiablage und jegliche Sozialdistanz werden extrem behindert.

Die Möglichkeiten sich zu bewegen reduzieren sich auf erzwungene Schiebe- und Rangierbewegungen, die mit Stürzen und Übereinanderklettern verbunden sind. Den angeborenen Drang zu den eingangs geschilderten natürlichen Verhaltensweisen versuchen die Tiere am Ersatzobjekt, im Leerlauf, als bloße Intentionsbewegung und in Form von Stereotypien abzureagieren. Es kommt zu typischen Körperschäden und Erkrankungen wie Gefieder- und Hautschäden, Ballenabszessen, Knochenerweichung und -verformung (Osteoporose) mit häufigen Brüchen beim Abtransport zum Schlachthof, zu Leberverfettung.


Im »ausgestalteten« Käfig

Die sogenannten »ausgestalteten« Käfige, wie sie die EU-Richtlinie vorschreibt, müssen 600 qcm nutzbare Fläche je Henne aufweisen, dazu ein Nest, Sitzstangen, Einstreu zum Picken und Scharren und Krallenabriebflächen.

Können die Hennen nun in diesen Käfigen ihre natürlichen Verhaltensbedürfnisse befriedigen? Viele Hersteller haben mittlerweile solche Käfige im Angebot, Praxiserfahrungen und detaillierte Verhaltensstudien gibt es aber kaum. Eine Auswertung der internationalen Literatur zeigt, dass von diesen neuartigen Käfigen keine grundlegenden Verbesserungen zu erwarten sind. Die Tiere unterliegen immer noch großen Einschränkungen bei der Fortbewegung, bei der Nahrungsaufnahme, beim Sozialverhalten, bei der Eiablage, der Körperpflege und beim Ruheverhalten. Viele für den herkömmlichen Käfig typischen Verhaltensstörungen, Verletzungsgefahren und Krankheiten sind auch hier vorprogrammiert. Die angebotenen Strukturen wie Sitzstangen, Nester und vor allem das Sandbad werden nur unzureichend genutzt, weil sie entweder zu klein sind oder wichtige auslösende Reize fehlen. Eine »Anreicherung« mit bestimmten Elementen heißt also nicht automatisch, dass diese auch angenommen werden.

Darüber hinaus schränkt man teilweise die Zugangsmöglichkeiten wieder ein: Weil in Einstreunestern die Hennen auch Nahrung suchen, macht man diese nur vormittags zugänglich, und weil sie bei einstreulosen Nestern Eier in das Sandbad legen würden, wird dieses nur nachmittags geöffnet. Ferner sind technische Probleme ungelöst (z.B. automatische Befüllung des Sandbades).

Insgesamt besteht die Gefahr eines täuschenden Eindrucks im Sinne von »die Tiere haben doch alles, was sie brauchen«. Auch ein »angereicherter« Käfig bleibt ein Käfig oder - mit Wolfgang Schindler - die Tiere würden in den »modified cages« modifiziert leiden.


In alternativen Haltungsformen

Bei der »Bodenhaltung« leben in der Regel 7 Hennen pro Quadratmeter ( 1.430 qcm pro Tier) in größeren Stallgebäuden. Meistens ist auf maximal zwei Drittel der Stallfläche eine Kotgrube vorhanden, über der Sitzstangen angebracht sind. Die übrige Fläche besteht aus einem eingestreuten Scharrraum. Ferner sind Legenester vorhanden.

Bei der »Volierenhaltung« (von lat. volare = fliegen) wird dem Huhn zusätzlich die dritte Dimension zugänglich gemacht, indem übereinander angebrachte Ebenen als Lauf- und Ruheflächen mit Tränke- und Fütterungseinrichtungen angeboten werden. Dadurch können mehr Tiere je Stallgrundfläche gehalten werden. Zum Abtransport des anfallenden Kotes verlaufen unter den erhöhten Ebenen breite Transportbänder. Üblich sind 15 bis 25 Hennen pro Quadratmeter. Die Volierenhaltung ist ein hoch mechanisierbares System für größere Tierzahlen.

Die »Freilandhaltung« kommt aufgrund des Platzbedarfs in Stallnähe eher für kleinere Herden in Frage. Vorgeschrieben sind gegenwärtig nach den EG-Vermarktungsnormen 10qm größtenteils bewachsene Fläche (bzw. 2,5qm bei der »intensiven Auslaufhaltung«), ab dem Jahr 2004 4 qm je Huhn. Bei der Freilandhaltung lassen sich im Stall sowohl Boden- als auch Volierenhaltung durchführen.

In jüngerer Zeit sind in alternativen Haltungen häufiger zusätzlich überdachte, eingestreute Kleinausläufe (Außenscharrraum) anzutreffen.

Diese Haltungsformen entsprechen den Verhaltensbedürfnissen der Hennen deutlich besser. Auch in alternativen Haltungssystemen können allerdings Probleme entstehen, es kann z. B. zu einem höheren Wurmbefall bei Auslaufhaltung kommen, zu Federpicken bei hoher Besatzdichte oder anderen Stressfaktoren wie höherem Schadgasgehalt, zu Fußballen- oder Brustbeinveränderungen bei unzureichenden Sitzstangen. Diese Probleme sind aber überwiegend managementbedingt, d. h. es können Lösungsmöglichkeiten gefunden werden. Viele Halter, die mit alternativen Systemen beginnen, müssen sich erst das nötige Know-how aneignen. Im Gegensatz dazu sind die Probleme bei den Käfigsystemen zum größten Teil systemimmanent, d. h. nicht zu ändern.

Dr. B. Hörning
Prof. Dr. D.W. Fölsch
Redaktionelle Bearbeitung: Hannelore Jaresch

Prof. Dr. Detlef Fösch und Dr. Bernhard Hörning arbeiten am Lehrstuhl für artgerechte Tierhaltung und Nutztierethologie an der Gesamthochschule Kassel-Witzenhausen


Entnommen aus der Ausgabe 3.01 der Zeitschrift "Tierrechte".

Dieser Artikel wurde hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von
Menschen für Tierrechte
Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
www.tierrechte.de

 

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