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Der folgende Artikel ist eine Übersetzung des GRAIN Infobriefes Februar 2006

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Fowl play - Falsches Spiel

Die zentrale Rolle der Geflügelindustrie in der Vogelgrippekrise

Das Hinterhof- oder Freilandgeflügel treibt keineswegs die gegenwärtige Welle der Vogelgrippeausbrüche voran, die große Teile der Welt bedroht. Der tödliche Stamm der Vogelgrippe H5N1 ist im Wesentlichen ein Problem industrieller Geflügelhaltung. Deren Epizentrum sind die Massentierhaltungen in China und Südostasien und -- wenn auch wilde Vögel die Krankheit tragen können, zumindest über kurze Strecken -- ihr Hauptverbreitungsfaktor ist die in hohem Grade Selbst-Regulierte transnationale Geflügelindustrie, welche die Produkte und die Abfälle ihrer Farmen rund um die Welt durch eine Vielzahl von Handelskanälen sendet. Jetzt leiden kleine Geflügelfarmer und die Geflügelbiodiversität sowie die lokale Nahrungsmittelsicherheit, die sie tragen, sehr unter der Seuche. Um die ganze Angelegenheit noch zu verschlimmern, folgen Regierungen und internationale Agenturen falschen Theorien darüber, wie die Krankheit verbreitet und verstärkt wird, und es werden Maßnahmen verfolgt um das Geflügel einzusperren und den Geflügelsektor weiter zu industrialisieren. In der Praxis bedeutet dies das Ende der kleinen Geflügelfarmen, die Nahrung und Lebensunterhalt für hunderte Millionen Familien auf der Welt zur Verfügung stellt. Diese Arbeit stellt eine neue Perspektive auf die Vogelgrippegeschichte vor - eine Kampfansage an gegenwärtige Theorien- die den Fokus darauf ausrichtet, wo er sein sollte: auf die transnationale Gelügelindustrie.

Männer in weißen Gummianzügen und Gasmasken jagen Hühner in den landwirtschaftlichen Dörfern ..., Hühner werden auf den Lebendmärkten verkauft und geschlachtet ..., Wilde Vögel fliegen über den Himmel..., das sind die typischen Bilder, welche in den Reportagen der Medien über der Vogelgrippeepidemie gesendet werden. Selten sind dagegen Fotos der boomenden transnationalen Geflügelindustrie. Es gibt keine Schnappschüsse ihrer Massentierhaltungen, die durch das Virus betroffen sind, und keine Bilder ihrer überfüllten LKWs, die lebende Hühner transportieren, oder ihrer Futtermühlen, die "Geflügelnebenprodukte" in Hühnerfutter zu verwandeln.

Die Auswahl von Bildern vermittelt eine klare Aussage: Vogelgrippe ist ein Problem wilder Vögel und rückständiger Geflügelhaltungen, nicht der modernen Industrie. In diesem Zusammenhang blieb die fundamentale Information, die man wissen muss, um die vergangenen Ausbrüche zu verstehen, bei den Bildern außen vor.

Die Vogelgrippe ist wirklich nichts Neues. Sie hat über Jahrhunderte eher friedlich mit wilden Vögeln, den kleinen Geflügelfarmen und den Lebendmärkten koexistiert.
Aber die Welle der hoch pathogenen Stämme der Vogelgrippe, welche während den letzten 10 Jahren die Geflügelpopulation dezimiert und Menschen über den ganzen Planenten getötet hat, ist beispiellos - genau wie die heutige transnationale Geflügelindustrie.

 

"Hühner satt" - Kollektivierte Hühnerproduktion

Der Wandel in der Geflügelproduktion in Asien war in den letzten Jahrzehnten schlichtweg Schwindel erregend. In den asiatischen Südostländern, in denen sich die meisten Vogelgrippeausbrüche häufen -- Thailand, Indonesien und Vietnam - ist die Produktion in den letzten 30 Jahren um das 8-fache in die Höhe gesprungen, von etwa 300.000 Tonnen Hühnerfleisch 1971 auf 2.440.000 Tonnen in 2001. Die Hühnerproduktion Chinas verdreifachte sich während der neunziger Jahre auf über 9 Millionen Tonnen pro Jahr. Praktisch alles dieser zusätzlichen Geflügelproduktion ist in den Massentierhaltungsbetrieben geschehen, die außerhalb der Hauptstädte geballt angesiedelt werden und in transnationale Produktionssysteme integriert sind. 1 Das ist der ideale Nährboden für die hoch pathogene Vogelgrippe -- wie dem Stamm H5N1, der droht, zu einer menschlichen Grippepandemie zu mutieren. 2

Dennoch bringen die vielen Arbeiten, Aussagen und Strategiendokumente, welche von der Food and Agriculture Organization (FAO), der World Health Organization (WHO) und den relevanten Regierungsämtern herausgegeben werden, nicht andeutungsweise die Rolle des industriellen Geflügels in der Vogelgrippekrise zum Ausdruck. Stattdessen sind die Finger auf die Hinterhofhaltungen gerichtet, mit Forderungen nach strengeren Kontrollen ihrer Betriebe und größeren "Umstrukturierungen" des Geflügelsektors. Die großen Geflügelkonzerne versuchen sogar die Vogelgrippeausbrüche als "Gelegenheit" zu nutzen, um zu beseitigen, was noch von den kleinen Geflügelhaltungen übrig geblieben ist. 3

"Wir können die Zugvögel nicht kontrollieren, aber wir können sicher alles daran setzen, um soviel wie möglich Hinterhofhaltungen zu schließen" sagte Margaret Say, Südostdirektorin in Asien des USA Geflügel- und Eierexportrates.

Die Reaktionen von einigen Wissenschaftlern sind nicht minder unverschämt. Forscher in Großbritannien planen transgene Vogelgripperesistente Hühner. "Sobald wir die aufsichts-rechtliche Genehmigung haben, glauben wir, dass es nur zwischen vier und fünf Jahren dauert bis genügend Hühner ausgebrütet werden können, um die gesamte Weltpopulation zu ersetzen"; sagte Laurence Tiley, Professor der molekularen Virologie an der Cambridge Universität. 4

Die Hinterhofhaltung ist kein nutzloser Zeitvertreib für Grundbesitzer. Sie ist unerlässlich für die Sicherstellung der Ernährung und des auf der Landwirtschaft basierenden Lebensunterhalts Hunderter von Millionen armer Bauern in Asien oder anderswo und stellt ein Drittel des Proteinverzehrs für den durchschnittlichen ländlichen Haushalt zur Verfügung. 5 Fast alle ländlichen Haushalte in Asien halten mindestens ein paar Hühner für Fleisch, Eier und eben Düngemittel und sie sind häufig das einzige Vieh, das sich arme Landwirte leisten können. Das Geflügel ist stark von den unterschiedlichen Haltungsbedingungen abhängig, ebenso wie die genetische Diversität des Geflügels überhaupt von dem langfristigen Überleben der Geflügelhaltung auf kleinen Bauernhöfen abhängt.

Die FAO weiß dies auch. Bevor die Asiaten die Grippekrise heimsuchte, rühmte sie den Nutzen des Hinterhofgeflügels für die ländliche Armut und die Biodiversität, und ließ Förderungsprogramme laufen. 6 Aber heute, mit dem H5N1-Virus vor den Toren Westeuropas, ist es alltäglicher, die FAO von den Gefahren der Hinterhofhaltungen reden zu hören. Das ist ein leichtsinniger Fehler. Wenn es zur Vogelgrippe kommt, ist eine vielfältige, kleinstrukturierte Geflügelhaltung die Lösung, nicht das Problem.

 

Hinterhofgeflügel ist eine Lösung, nicht das Problem

Das Hinterhofhuhn ist das große Problem
und der Kampf gegen die V
ogelgrippe
muss im Hinterhof der Armen der Welt stattfinden.
Louise Fresco, stellvertretender Generaldirektor der FAO 7

Das Argument, das gegen die Hinterhofhaltungen verwendet wird, lautet im Allgemeinen so: In den Hinterhofhaltungen läuft das Geflügel im Freien herum und kommt häufig in Kontakt mit wilden Vögeln, die das Vogelgrippevirus tragen und - Menschen werden anfällig für eine Übertragung. Diesen Haltungen wird folglich nachgesagt, wie ein Schmelztiegel für den konstanten Kreislauf der Krankheit zu fungieren. Hinterhofhaltungen sind auch für Behörden frustrierend, schon allein weil ihre Natur -- sie sind klein, die Tiere laufen frei, die Höfe liegen weit verstreut, und sie entsprechen nicht den für die industrielle Geflügelhaltung geltenden Vorschriften (sind unregistriert usw.) -- Schwierigkeiten bereitet, ihre beiden Hauptkontrollmaßnahmen durchzuführen: Keulung und Schutzimpfung.

Dieses Argument wird durch weitgehend alle Regierungen rund um die Welt angenommen, und heute versuchen die meisten Agrargesetze und die -politischen Richtlinien zur Kontrolle der Vogelgrippe, Geflügel getrennt von den wilden Vögeln zu halten, zu sehen in Tabelle 1.

Tabelle 1: Maßnahmen um die Vogelgrippe zu kontrollieren, die auf Hinterhof/Freilandgeflügel abzielt, in einer Übersicht nach Länden

Land

Maßnahmen

Österreich

Verbot von Freilandgeflügel von Oktober bis Dezember. Anordnung einer zeitlich unbestimmten Verlängerung in dem Gebiet, in dem H5N1-infizierte Schwäne gefunden wurden.

Kanada

Verbot von Freilandgeflügel in der Provinz Quebec

China

Anhui, die provinzielle Regierung ordnet an, dass alles Hinterhofgeflügel in Käfigen gehalten werden muss
Komplettes Verbot von Hinterhofgeflügel in Hong Kong.

Kroatien

Verbot von Freilandgeflügel während der Zugvogelzeit

Frankreich

Verbot von Freilandgeflügel, mit Ausnahmen

Deutschland

Verbot von Freilandgeflügel.

Italien

Freilandgeflügel (15-20% des Geflügelsektors) unterliegt einem dauernden Monitoring

Niederlande

Verbot von Freilandgeflügel, mit Ausnahmen

Nigeria

Hinterhofgeflügel und -vögel wird innerhalb dem Bundeshauptstadtgebiet Abuja verboten

Norwegen

Verbot von Freilandgeflügel in acht südlichen Regionen

Slowenien

Verbot von Freilandgeflügel

Schweden

Verbot von Freilandgeflügel

Schweiz

Geflügel muss überdacht gehalten werden

Thailand

Beschränkungen auf Freilandenten. Verbot von Lebendgeflügelmärkten in Bangkok und Umsiedelung von Schlachthäusern in die Randgebiete. Zwangskollektivierung der kleinen Geflügelhaltungen in zentrale Provinzen.

Ukraine

Verkauf des Lebendgeflügel und der Geflügelprodukte, die durch private Dorfhaushalte produziert werden, wird in der autonomen Region von Krim verboten. Das Verbot trifft nicht für industriell produziertes Geflügel zu.

Vietnam

Verbot der Geflügelhaltung in Klein- und Großstädten

 

Im Großen und Ganzen sind diese Gesetze und Politik für kleine Farmer völlig unpraktikabel.

In Südostasien weisen Regierungen, mit der Unterstützung der FAO, Landwirte an, Maschendraht- oder Bambus-umzäunungen für ihr Geflügel aufzustellen. Aber die Kosten - geschätzte US $50-70 - liegen für Kleinhalter Asiens, die gewöhnlich weniger als US $1 am Tag verdienen, außer Reichweite und in Regionen wie Thailand, in denen solche Maßnahmen verordnet worden sind, hat es kleine Farmer unmittelbar zur Aufgabe des Geflügel gezwungen. 8

Sogar Biolandwirte in der Schweiz geben ihre Bestände auf, weil sie sich die zusätzlichen Kosten der Aufstallung für ihr Geflügel nicht leisten können. 9 Außerdem riskieren Biobauern, die ihrem Vieh keine Freilandhaltung gewähren können, die aber von Bio-Standards rund um die Welt gefordert wird, den Verlust ihres Bio-Zertifikates. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen sind bereits heute für Farmer bittere Realität, auch wenn die Vogelgrippe nicht in ihren Gebieten existiert -- und auch obwohl es keinen Beweis gibt, dass die Aufstallung des Geflügels das Virus stoppen kann. 10

 

Wildvögel und Nutzgeflügel sollten keinen Kontakt haben!?

Die Wanderung der Zugvögel hat die Ausbrüche verursacht,
die in einigen Ländern und in Regionen gleichzeitig auftauchen.

FAO, November 2005 11

Entgegen solcher Aussagen von der FAO oder der WHO, gibt es bisher kaum Beweise, dass Zugvögel, die in hohem Grade pathogenes H5N1 tragen, dieses auch übertragen. Nach der Untersuchung von Hunderttausenden wilder Vögel auf die Krankheit, haben Wissenschaftler nur selten lebende Vögel identifiziert, die die Vogelgrippe in einer hoch pathogenen Form tragen. 12

So hat die FAO erst kürzlich im November 2005 angegeben: "Bis heute hat die umfangreiche Untersuchung, der klinisch unauffälligen Zugvögel in den Ausbruchsländern, zu keinen positiven Ergebnissen mit H5N1 geführt."13
Beinahe alle wilden Vögel, die Positiv auf die Krankheit getestet wurden, waren tot und wurden in den meisten Fällen in der Nähe von Ausbrüchen bei Hausgeflügel gefunden. Sogar bei den jüngsten Fällen von H5N1 bei wilden Vögeln in Europa, bekräftigen Experten, dass sich diese Vögel wahrscheinlich in der Region am Schwarzen Meer mit dem Virus ansteckten, wo H5N1 im Geflügel sehr verbreitet ist, und starben während dem Flug westwärts, um dem ungewöhnlich kalten Bedingungen zu entkommen.

Ein Vorfall, der gerne als Argument gegen wilde Vögel zitiert wurde, war ein Massenausbruch von H5N1 unter Gänsen am Qinghai See in Nordchina. Daraus wurde schnell eine Theorie konstruiert, wie das Virus dann durch Zugvögel in den Westen nach Kasachstan, Russland und sogar in die Türkei getragen wurde. Aber Vogelschützer und besonders die Organisation BirdLife International betonten, dass an dem Qinghai See viele Geflügelbetriebe liegen. Sie stellten auch fest, dass es in dem Gebiet eine Fischfarm gibt, der die FAO Aufbauhilfen gewährte und dass Huhnexkremente allgemein als Futter- und Düngemittel in integrierten Fischfarmen in China genutzt werden. 14 Außerdem verbinden viele Züge und Straßen das Qinghai Seegebiet mit Gebieten der Vogelgrippe-ausbrüche, wie Lanzhou (China), der Quelle infizierten Geflügels, das einen früheren Ausbruch von H5N1 in Tibet verursachte, 1.500 Meilen entfernt. 15 Jedoch verzeichnete keine dieser alternativen Szenarien besondere Aufmerksamkeit von der FAO oder von anderen internationalen oberen Behörden. Der größte Schwachpunkt in der Zugvogeltheorie ist, dass die geographische Verbreitung der Krankheit nicht mit Zugrouten und Jahreszeiten übereinstimmt.

"Keine Vogelart wandert von Qinghai (China), also vom Westen nach Osteuropa, " sagte Dr. Richard Thomas, von BirdLife International. "Nach graphischen Darstellungen folgt das Muster der Ausbrüche hauptsächlich Straßen und Bahnrouten, nicht Flugrouten. 16 Und das Fehlen von Ausbrüchen in Afrika, in Süd- und Südostasien und in Australasien im letzten Herbst ist schwer zu erklären, wenn wilde Vögel die Primärüberträger sein sollen." 17 Wenn Zugvögel die Krankheit übertragen, warum hat die Vogelgrippe die Philippinen noch nicht, oder Birma nicht schon früher getroffen, und warum konnte sie in Laos auf einige kommerzielle Betriebe begrenzt werden, wenn alle drei Länder durch Vogelgrippe betroffene Länder umgeben sind? Selbst wenn es für Zugvögel möglich ist, die Krankheit zu transportieren, was die neuen Fälle in Europa nahe legen, gibt es viel bedeutendere Verbreitungsfaktoren, die im Fokus der Aufmerksamkeit stehen sollten. Es gibt einfach keinen triftigen Grund "die Schotten dicht zu machen" und das Geflügel im Stall einzusperren.


Hühner in Hinterhof-Haltungen: Überträger oder Opfer?

Die Gemeinde der Vogelschützer hat uns geholfen zu verstehen, inwiefern Wildvögel Opfer und nicht Überträger der hochpathogenen Form der Vogelgrippe sind. 18 Die hoch pathogenen Stämme der Vogelgrippe entwickeln sich in Geflügelhaltungen, höchstwahrscheinlich in solchen, die den niedrig pathogenen Viren, wie sie in Wildvogelpopulationen vorkommen, ausgesetzt sind.

In beengten Geflügelhaltungen entwickelt sich das Virus rasch zu stärker pathogenen und ansteckenderen Formen, die in der Lage sind, die Artengrenze zu überschreiten und zurück zu den Wildvögeln zu springen, die gegen diese neue Form keine Abwehr haben. So gesehen, ist H5N1 ein Geflügelvirus, das Wildvögel tötet, und nicht umgekehrt. 19

Dasselbe Argument gilt auch für kleine Geflügelhaltungen. Vogelgrippe entwickelt sich nicht in Hinterhofhaltungen zu hochpathogenen Formen, wo geringe Besatzdichte und genetische Vielfalt die virale Belastung auf einem niedrigen Niveau halten. Hinterhofhaltungen sind die Opfer von Vogelgrippe-Stämmen, die von anderswo eingebracht werden.

Wenn Hinterhofhaltungen von den Quellen hochpathogener Vogelgrippe getrennt werden, scheint das Virus zu verschwinden oder sich in eine niedriger pathogene Form zu entwickeln.

Die FAO und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) berichten, dass vieles darauf hindeutet, dass sich H5N1 an Dorfhühner in gleicher Weise anpasst wie an Hausenten, und dass es zumehmend Belege dafür gibt, dass das Überleben des Virus in Kleinhaltungen davon abhängt, ob das Geflügel von aussen immer wieder angesteckt wird. 20 Es sind gerade die industriellen Geflügelbetriebe, mit vielen auf engstem Raum zusammengepferchten Tieren, in denen sich die Vogelgrippe - wie andere Krankheiten auch. - rasch entwickelt und ausbreitet (Siehe Box 1).


Box 1: Lehren aus der Newcastle Disease (ND) 21

In all den Diskussionen über die Vogelgrippe wird seltsamerweise kaum auf Parallelerfahrungen mit anderen Krankheiten Bezug genommen. Newcastle Disease zum Beispiel ist in den meisten Regionen mit Geflügelzucht bereits endemisch geworden, und die Impfung gegen diese Krankheit ist heutzutage eine Routinemassnahme für Geflügelfarmer auf der ganzen Welt.

Wie die Vogelgrippe gibt es auch ND in niedrig und hoch pathogenen Formen. In seiner endemischen Form ist sie kein grosses Problem, in einer infizierten Herde sterben einige Küken, und nur gelegentlich stirbt eine grössere Anzahl (anfälliger) Tiere.

Das Virus wird jedoch zu einem grossen Problem, wenn es in eine Geflügelfabrik kommt. Laut den Forschern Alders und Spreadbrow heißt es: " In grossen kommerziellen Geflügelbetrieben gelangt das Virus in den Bestand durch irgendeine Lücke in der Biosecurity 22 [durch Futter, Personal, Eier, Fahrzeuge], durch Einbringen infizierter Tiere in Betriebe mit Tieren unterschiedlichen Alters, oder durch Aerosole [Mikroschwebepartikel in der Luft] aus benach-barten Betrieben. Sind erst einmal ein paar Tiere angesteckt, geschieht die Verteilung in der Herde in erster Linie durch die Luft. Grosse Betriebe erzeugen erhebliche Mengen virenhaltiger Aerosole [Luft], die sich mit den Bewegungen der Luft auf andere Betriebe verteilen kann. 23

Besonders unter diesen Gegebenheiten kann das Virus zu einer hoch pathogenen Form mutieren und ganze Bestände auslöschen. Bei einem Ausbruch in Australien z.B. starben 10 000 Tiere, weitere 100 000 wurden geschlachtet. Der Ausbruch überraschte die australischen Behörden völlig unvorbereitet, hatten sie doch durch strenge Quarantänemassnahmen ihr Land 60 Jahre lang offensichtlich frei von hoch pathogenen Stämmen halten können.

Wir gingen davon aus, dass das Virus aus Übersee ins Land gebracht wurde." sagte Jeff Fairbrother, Executive Director der Australian Chicken Meat Federation. Neuere virologische Forschungen ergaben jedoch, dass der Ausbruch passierte, als ein endemischer Stamm des Virus in einen Grossbetrieb eindrang und dort in eine virulente Form mutierte. 24

Die Antwort der australischen Behörden war jedoch nicht, Hinterhofhaltungen oder Wildvögel als potentielle Überträger zu verfolgen, und sie akzeptierten auch nicht einfach die Behauptungen der Geflügelindustrie, was die angebliche "Biosecurity" ihrer Betriebe anging.
Sie führten für Farmen über 500 Tiere die Pflichtimpfung gegen ND ein. Und Kleinbestände? Gab es für diese ebenfalls Impfpflicht? Auszug aus der Infobroschüre der Regierung zum Ausbruch von ND:

"Nein. Eine sehr milde Form von ND ist in allen Staaten präsent. Vorausgesetzt dieser Stamm mutiert nicht in eine virulente Form, er bedeutet also keine Gefahr für Vögel. Die Krankheitsherde, die wir auf dem Festland zwischen 1998 und 2002 hatten, wurden durch die Mutation eines milden endemischen Stammes (bekannt als V4 Virus), in einen virulenten Stamm, verursacht. Alle bisherigen Anzeichen nach ist für eine solche Mutation eine grosse Anzahl von Vögeln auf kleinem Raum notwendig, damit der Mutationprozess ausgelöst wird. Einfach ausgedrückt, kann eine kleine Anzahl von Vögeln nicht genügend Virus erzeugen, um den Mutationsprozess auszulösen." 25  

 

Es sind vorallem die Verbindungen zwischen der Produktion in Hinterhofhaltungen und der industriellen Geflügelproduktion - in beiden Richtungen - die so problematisch sind. Hinterhofhaltungen können als Virenreservoire dienen, wie es die FAO feststellt, und die Vogelgrippe ohne Eingriffsmöglichkeit der Behörden solange beherbergen, bis sie schließlich einen Weg findet, in Intensivhaltungen zu gelangen, wo sich die Seuche ausbreitet und möglicherweise zu einer höher pathogenen Form mutiert, mit dem Potenzial einer Übertragung von Mensch zu Mensch. 26 Hinterhofhaltungen sind auch oft mit dem industriellen System eng verknüpft, durch Märkte, Zukäufe (wie Eintagsküken und Futtermittel), und sogar durch die tierärztlichen Dienste.

Es besteht immer die Möglichkeit, dass hochpathogene die Vogelgrippe vom industriellen System auf Kleinhaltungen übergreift oder umgekehrt.

 

Warum ist Laos eine Ausnahme?

Der Hauptgrund, warum Laos nicht wie seine Nachbarländer unter weit verbreiteten Ausbrüchen gelitten hat, ist dass hier fast kein Kontakt besteht zwischen Kleinhaltungen, welche fast den ganzen familiären Bedarf an Geflügel abdecken, und den kommerziellen Betrieben, die in ausländische Geflügelunternehmen integriert sind. Das Landwirtschaftministerium der USA schreibt:

Die Geflügelproduktion in Laos wird hauptsächlich von Kleinbauern getragen, die lokale Hühnerrassen im Freien neben ihren Wohnhäusern halten, um Fleisch und Eier zu haben und durch den Verkauf vor Ort ein Einkommen zu erzielen... Ein durchschnittliches Dorf hat etwa 350 Hühner, Enten, Puten und Wachteln in kleinen Haerden um die Dorfhäuser herum verstreut, wo ca. 78 Familien wohnen, in denen meist die Frauen für die Bestände verantwortlich sind. Enten, Puten und Wachteln werden ebenfalls gezüchtet, auch eine geringe Anzahl an Gänsen, weit verstreut über das Land. Die wenigen kommerziellen Betriebe (insgesamt weniger als 100, davon 89 in der Nähe von Vientiane) versorgen die benachbarten Grossstadtgebiete... Biosecurity- und Techniknutzung sind minimal, tierärztliche Versorgung, sei es von privater oder öffentlicher Hand, stehen kaum zur Verfügung. 27

Anders ausgedrückt, Lao ist voll von freilaufenden Hühnern, in bunter Mischung mit Enten, Wachteln, Puten und Wildvögeln.Hauptsächlich sind es einheimische Hühner, die mehr als 90% der gesamten Geflügelproduktion von Laos abdecken. Wenn Freilaufhaltung und Zugvögel für die Verbreitung der Vogelgrippe verantwortlich wären, müsste zu erwarten sein, dass die Seuche im ganzen Land wütet. Dieser Fall ist nicht eingetreten. Tatsächlich sind die Hinterhofhaltungen des Landes kaum berührt worden.

Im gleichen USDA-Bericht heisst es weiter:

Insgesamt wurden 45 Ausbrüche bestätigt, mit 42 Fällen davon in kommerziellen Betrieben (Broiler- und Legehennenfarmen), davon wiederum 38 in der Nähe von Ventiane, Hauptstadt und grösste Stadt von Laos. 5 andere Fälle sind in der Provinz Savannakhet aufgetreten (in einer Legehennenfarm und in Kleinhaltungen) und 2 andere in der Provinz Champasak (in Legehennenbetrieben). Die Kleinhaltungen, in denen die Vogelgrippe aufgetreten ist, lagen in der Nähe von kommerziellen Betrieben, die von der Krankheit betroffen waren.

Laos hat die Krankheit effizient ausgerottet, indem für Geflügel die Grenzen zu Thailand geschlossen und die Hühner in den kommerziellen Betrieben gekeult wurden. Sie waren weniger über die Ausbreitung der Krankheit von den befallenen Betrieben aus besorgt, weil die Kleinbauern - im Gegensatz zu jenen in Thailand oder Vietnam - ihre Eintagsküken und Futtermittel nicht von industriellen Betrieben beziehen. Ausserhalb der Hauptstadt wird Geflügel lokal produziert und konsumiert. Auch ist die Geflügelproduktion in Laos mehr über das Land verteilt. Sie ist weniger dicht, weniger integriert und weniger homogen - alles Faktoren, die die Vogelgrippe davon abhalten sich auszubreiten und zu höher pathogenen Formen zu mutieren.

Die Erfahrung in Laos legt nahe, dass der Schlüssel zum Schutz von Hinterhofhaltungen und Menschen vor der Vogelgrippe darin besteht, sie vor industriellen Geflügelhaltungen und Geflügelprodukten zu schützen. Dies ist in einem Land wie Laos relativ einfach umzusetzen, wo es wenig Geflügelfabriken gibt, kaum Einträge von aussen und im Wesentlichen lokale Systeme zur Nahrungsversorgung. Es ist wesentlich schwieriger, das industrielle System aus dem Kleinhaltungssystem in Thailand, Indonesien oder China herauszuhalten, wo beide Systeme durch Geografie, Märkte und Produktion sehr eng verknüpft sind.

In diesen Ländern erfordert die "Umstrukturierung" der Geflügel-produktion - in Richtung Förderung von Kleinbetrieben - eine 180-Grad-Kehrtwende, weg von der intensiven, integrierten Massentierhaltung und der globalisierten Produktion. Das ist jedoch nicht das was die FAO und die Regierungen im Sinn haben, wenn sie von "Umstrukturierung" sprechen.

 

Umstrukturierung der Geflügelproduktion

Hinter dem Angriff auf die Hinterhof-Geflügelhaltung steckt ein sehr düsterer Plan. Auf der ersten Seite der FAO und der "Globalen Strategie zur progressiven Kontrolle der Geflügelgrippe" der OIE kann man Folgendes lesen:

Es kristallisiert sich jetzt zunehmend heraus, dass sich viele Infektions- Reservoirs in den Entwicklungsländern befinden, insbesondere in dem Niedrigeinkommens-Viehzuchtsektor, d.h. in der ländlichen armen Bevölkerungsschicht. Diese stellt ein ernsthaftes Risiko für die gesamte Tierproduktion dar, die wiederum einer rapide expandierenden Nachfrage nach tierischen Proteinen in vielen Entwicklungsländern gegenübersteht. Diese wird noch verstärkt durch eine wachsende Urbanisierung, ein wachsendes verfügbares Einkommen und einen Übergang von stärkehaltiger Nahrung hin zu Nahrung auf Protein-Basis. Diese Entwicklung bietet substantielle Möglichkeiten für ökonomisches Wachstum, insbesondere in ländlichen Regionen, die durch diesen Prozess einen Aufschwung erleben, der oft als "Livestock Revolution" bezeichnet wird.

Was ist passiert mit der lang anhaltenden Förderung verschiedenster Formen der Geflügelhaltung durch die FAO? Die Agentur ist plötzlich sehr danach bestrebt, die Industrialisierung der Geflügel-produktion (d.h. "Livestock Revolution") vor den Risiken der kleinstrukturierten Geflügelhaltung zu schützen. Es ist sogar schon offen die Rede von einer Geflügelproduktion der Zukunft in Asien, die nach der Umstrukturierung in etwa so aussehen soll:

  • konzentriertere Märkte, mit weniger und dafür größeren Produzenten
  • Geflügelproduktionszonen, in denen sich die Infrastruktur entsprechend verdichtet
  • Produktionszonen für exportierende Länder, so organisiert, dass ein kleinerer Seuchenausbruch in einer solchen Zone den Export nicht sehr stark beeinträchtigt
  • Auslagerung der Lebendtiermärkte in die Randbereiche der Städte, mit weniger lizenzierten Händlern, zentralisierten Schlachtungen und einer großen Anzahl von Supermarkt-Verkaufsstellen in den Städten
  • Weniger Kleinproduzenten
  • Vorschriften, alles Geflügel einzuzäunen bzw. aufzustallen 28

Dies wäre dann das Ende aller kleinen asiatischen Geflügelfarmen. Alleine in Vietnam, so gibt die FAO zu, würde die Errichtung solcher Produktionszonen bedeuten, dass möglicherweise das Einkommen von ca. 1 Mio. kleiner kommerzieller Produzenten verloren geht. 29 Unglücklicherweise befürworten die meisten Regierungen eine solche Umstrukturierung.

Frühere Statements der FAO weisen jedoch in eine andere Richtung. "Die Hauptbegünstigten des Nachfrageanstiegs (für Fleisch in Asien) sind große, städtische, kapitalintensive Produzenten und Verarbeitungsbetriebe, sowie städtische Mittel- und Oberklasse-Konsumenten. Die überwiegende Mehrheit der Armen haben hier keinerlei Vorteile", sagte Hans Wagner, Oberster Beamter bei Animal Health and Production im FAO Asien- u. Pazifik-Büro. 30
Jetzt aber scheinen die ärmeren Schichten in Asien keine Rolle mehr zu spielen.

 

Box 2: Aviäre Influenza und Geflügel - Biodiversität

Wie die Grüne Revolution, so hat auch die so genannte "Livestock Revolution", die in den letzten Jahrzehnten über Asien hereinbrach, eine rapide genetische Erosion ausgelöst. Lokale Produktionssysteme wurden von integrierten Systemen abgelöst, die auf einer einzigen Quelle von Elterntieren basieren. Kleine Farmen wurden ermutigt, ihre lokalen Zuchten zugunsten von Hochleistungstieren aufzugeben, die oft nicht an örtliche Bedingungen angepasst sind. So sind viele kleine Farmer jetzt auf eine sehr begrenzte Zahl von modernen (Hybrid)-Rassen angewiesen, die für die Massentierhaltung gezüchtet wurden.

"Viele Entwicklungsländer halten noch immer Rassen aus stärker industrialisierten Ländern für produktiver, auch wenn diese Schwierigkeiten haben, mit den herrschenden harten Umweltbedingungen zurechtzukommen" sagt Irene Hoffmann, Leiterin des Tierproduktionsservice der FAO. "Die Entwicklung von genetischen Ressourcen innerhalb ihrer Produktionsumgebung ist die wirkungsvollste Methode, genetische Vielfalt zu erhalten … [und liefert damit] eine Absicherung gegen zukünftige Bedrohungen, wie Hunger, Trockenheit u. Epidemien." 31

Lokale Rassen sind also einfacher und billiger in der Versorgung, da sie an ihre Umwelt angepasst sind und sich ihr Futter selber suchen können. Typischerweise erzielen sie beim Verbraucher auch höhere Preise, weil besserer Geschmack und andere physische Eigenschaften vom Verbraucher besser bezahlt werden. 32

Farmer sowie eine Anzahl von Agenturen u. Organisationen, einschließlich der FAO, ergreifen Maßnahmen um diesen Verlust an Rassevielfalt rückgängig zu machen. Dieses Jahr wird die FAO ihren lang erwarteten Lagebericht über die Weltweiten Tierischen Gen-Ressourcen herausgeben, worin die FAO erneut ihren Einsatz für die genetische Vielfalt vor Ort betonen, sowie ihren Einsatz für den Erhalt und die Verbesserung des dazu nötigen traditionellen Wissens und der landwirtschaftlichen Praktiken. 33

In all der Aufregung über die Vogelgrippe ist die Organisation jedoch beim Thema Genetische Vielfalt in Schweigen verfallen. Es gab keine Erklärung darüber, wie etwa genetische Einheitlichkeit zu dem Problem beiträgt, und kein Wort wurde darüber verloren, wie widerstandsfähig lokale Hühnerrassen gegenüber der Vogelgrippe sein könnten , obwohl es Berichte von der Weltorganisation für Tiergesundheit gibt, nach denen einige lokale Rassen das H5N1-Virus überlebt haben. 34 Noch wurde auch nur ein Gedanke daran verschwendet, dass Massenkeulungen lokale Rassevarietäten für immer vernichten!

Joseph Domenech, der Chefveterinär der FAO, sagt, dass alles getan werden muss, um lokale Geflügelrassen zu schützen, insbesondere in Asien, der Heimat des Haushuhns. Jedoch, auf die Frage nach den Massenkeulungen, zu denen die FAO die Regierungen bei einem Vogelgrippeausbruch empfehlen, gab er zu, dass die Keulungen "ohne Ausnahme" erfolgen u. dass die FAO nichts tut um diese Situation zu ändern. 35

 

Die Seuchenfabriken

"Freilaufende Hühner sind gesünder, weil sie herumrennen. Ich schaue sie mir an und weiß, wann sie krank sind. In der Fabrik schaut da niemand hin, und man kann kaum sagen, ob sie krank sind oder nicht.
(Ms. Thanh, Farmerin in der Provinz Bac Ninh, Vietnam) 36


Im September 2004 haben die Behörden in Kambodscha über einen anderen Ausbruch der Vogelgrippe in einem der wenigen kommerziellen Masthähnchen-Unternehmen berichtet. Dieses Mal identifizierten die Behörden die Quelle des Ausbruchs: Küken, die an diese Farm von Charoen Pokphand (CP) geliefert wurden, einem Thai-Unternehmen das Asiens größter Produzent von Geflügel und Geflügelfutter ist. Die Vogelgrippeausbrüche in Kambodscha waren jeweils begrenzt auf den kommerziellen Geflügelsektor des Landes, und alle kambodschanischen Unternehmen sind auf die eine oder andere Weise mit CP verbunden, entweder haben sie Verträge oder sie kaufen Bestände wie Eintagsküken und Futter das CP aus Thailand importiert. 37

CP wies die Vorwürfe aus Kambodscha zurück, aber in Laos gab es ebenfalls Ausbrüche der Vogelgrippe, die auf Geflügelfarmen begrenzt waren, die Futter und Küken aus Thailand bezogen hatten. Das gleiche scheint in Birma der Fall zu sein, wo es ebenfalls Berichte von einem Ausbruch in einer Geflügelfarm gab, die durch CP mit Küken versorgt worden war. 38

CP ist in der Tat überall da präsent wo die Vogelgrippe ausgebrochen ist. In Thailand, dem Hauptsitz des CP-Imperiums, und dem Land, wo es zuerst seine vertikal integrierten Produktionssysteme eingeführt hatte, existieren Verträge mit über 10.000 Produzenten, die die gesamte Kette kontrollieren, vom Futter bis zu einzelnen Geflügelverkäufen. Es ist ebenfalls der größte Lieferant für Masthühnchen nach China, mit einer Brüterei in der Vogelgrippe-verseuchten Lanzhou-Provinz, die jährlich ca. 9 Mio. Küken produziert. 39 In Indonesien beherrscht CP die Hühnerfutterindustrie und ist der Nr.1-Lieferant für Mastgeflügel und Brutfarmen. CP kontrolliert ebenfalls die Hälfte des Geflügelsektors in Vietnam, wo im Februar 2004 die Armee mobilisiert wurde, um 117.000 Vögel zu töten, die in einer der CP-Farmen in der Ha Tay Provinz an Vogelgrippe erkrankt waren. 40 CP ist auch in der Türkei, dem aktuellen Zentrum der Vogelgrippeausbrüche, stark vertreten und hier liegt der Anteil von CP bei ca. 12% der Landesproduktion. 41

Das heißt nun nicht, dass CP allein verantwortlich wäre für die derzeitige Vogelgrippe-Krise. Auch wenn diese Gesellschaft ein Hauptverdächtiger ist, geht das Problem als solches doch tiefer - es liegt im System. Der internationale Geflügelhandel ist völlig außer Kontrolle geraten. Sehen Sie sich die Zahlen von Geflügel an, die kürzlich in einigen von der Vogelgrippe betroffenen Ländern Osteuropas in den Handel kamen, siehe Tabelle 2.

Allein in die Ukraine wurden 2004 ca. 12 Mio. lebende Hühner importiert. Die tatsächlichen Zahlen sind mit Sicherheit höher, angesichts des wohlbekannten Untergrundhandels mit Geflügel, der in der Region betrieben wird. 42 Die Hastavuk Company in der Türkei betreibt Europas zweitgrößte Brüterei, mit einer Kapazität von über 100 Mio. Bruteiern pro Jahr, einem bedeutenden Anteil von dem, was nach Osteuropa und in den Mittleren Osten importiert wird. Bruteier sind bekannt dafür, dass sie Vogelgrippe verbreiten. 43 Jedoch, ungeachtet der klaren Risiken, gibt es keinerlei Vorschriften oder Kontrollen beim Geflügel- und Eierhandel in der Region!

Tabelle 2: Hühner Lebendexporte - und importe (2004)

Land

Exporte

Importe

Rumänien

260.000

16.178.000

Russland

1.351.000

11.724.000

Türkei

4.155.000

1.821.000

Ukraine

1.802.000

11.827.000

Der internationale Geflügelhandel funktioniert nach demselben Muster. Die Medien warfen sich vorschnell auf Zugvögel, als die ersten Berichte über Vogelgrippeausbrüche in einem abgelegenen Dorf in der Osttürkei kamen. Später, als die Dorfbewohner dann ihre Seite der Geschichte erzählten, kam zu Tage, dass eine große Geflügelfarm in der Nachbarschaft regelmäßig Lastwagen voll mit alten Vögeln zu niedrigen Preisen zu Markte fährt. Ein solcher Lastwagen war einige Wochen bevor der Ausbruch entdeckt wurde, losgefahren. 44 Die FAO bestätigt, dass der Geflügelhandel das H5N1 Virus bei Puten verbreitet hat und hob sogar die gewöhnliche Praxis der kommerziellen Geflügelfarmen hervor, größere Wagenladungen mit minderwertigen Vögeln billig an arme Farmer zu verkaufen. 45

Der Welthandel bei Geflügelfutter, ein weiterer Faktor in dem ganzen Durcheinander, wird von den gleichen Unternehmen beherrscht. Eines der Standardbestandteile in industriellem Hühnerfutter, wie auch im Übrigen industriellen Tierfutter, ist "Geflügelabfall". Das ist ein Euphemismus für was auch immer man auf dem Boden der Geflügelfarmen findet: Ausscheidungen, Federn, Einstreu etc.46 Geflügelfleisch, unter dem Etikett "Mehl aus tierischen Nebenprodukten" wandert ebenfalls ins industrielle Hühnerfutter. 47 Die WHO gibt an, dass der Virus der Geflügelgrippe in Ausscheidungen bis zu 35 Tagen überlebt und, in der neuesten Version ihres Datenblattes zur Vogelgrippe, wird Futter als mögliches Medium zur Ausbreitung der Grippe von Farm zu Farm erwähnt. 48
Russische Fachleute wiesen auf Futter als eine der wahrscheinlichsten Ursachen des H5N1-Ausbruchs in einer großen Geflügelfabrik in der Provinz Kurgan hin, wo 460.000 Tiere getötet wurden. 49 Bislang ist jedoch noch nichts unternommen worden, um Regelungen zu finden oder die Futtermittelindustrie zu kontrollieren. Stattdessen sieht es oft so aus, dass die Industrie, nicht die Regierungen, den Ton angeben.

 

Vertraut uns": Die Industrie und die Regierungen betreiben Verschleierungspolitik

Während gegen Ende des Jahres 2005 in Indonesien die Vogelgrippe wütete und Menschen tötete, teilte der Agrarminister den Medien mit, dass die 11 größten Geflügelfarmen sich Gesetze zunutze machten, um Betriebsinspektionen zu verhindern.

CP wies diese Anschuldigungen natürlich zurück. "So lange sie sich an unsere Abläufe halten, sind sie immer willkommen" sagt Sudirto Lim, Sprecher der CP Indonesien. 50 Kleinfarmer haben natürlich nicht den Luxus, Inspektionsvorgänge zu diktieren. Die Behörden dringen einfach in ihre Höfe ein und erfassen ihr Geflügel, ob sie nun willkommen sind oder nicht.

In Thailand wussten Industrie und Regierung von den Vogelgrippeausbrüchen bereits Monate bevor der öffentliche Druck die Regierung zwang, den Ausbruch für Januar 2005 zuzugeben. Die Industrie nutzte die Zeit, ihr Inventar zu säubern und sich um ihre Profite zu kümmern. Arbeiter der Centaco Geflügelfarm nahe Bangkok erzählten den Forscherinnen Chanida Chanyapate und Isabelle Delforge, dass in den Monaten vor der offiziellen Bekanntgabe der Geflügelgrippe sehr viel mehr Überstunden als sonst anfielen. "Vor November haben wir pro Tag mehr als 90.000 Tiere verarbeitet. Aber von November bis 23. Januar mussten wir über 130.000 Vögel pro Tag töten". Sie sahen sehr viele kranke Hühner, die in der Fabrik ankamen, und wurden angewiesen, diese zu verarbeiten, selbst wenn sie schon an der Krankheit gestorben waren. "Wir wussten nicht, was für eine Krankheit das war, aber wir gingen davon aus, dass das Management unter Zeitdruck war die Hühner zu verarbeiten, bevor eine Veterinärkontrolle erfolgte." 51

Box 3: Von Pandemien und Patenten

Das H5N1-Virus wurde erstmals festgestellt und identifiziert, als es 1997 in Hong Kong die ersten Opfer forderte. Einige Jahre später, 2003, wurde von ähnlichen Todesfällen in Vietnam und dann in Thailand berichtet. Im folgenden Jahr tötete das Virus Menschen in abgelegeneren Regionen in Indonesien, China und Kambodscha. Bis Mitte 2005 war die Vogelgrippe generell ein "asiatisches" Problem. Dann traf die Weltgesundheitsorganisation die weitreichende politische Entscheidung, der Welt mitzuteilen, dass wir vor kurz einer globalen menschlichen Pandemie stehen, die 150 Mio. Menschen töten könnte.

Wie beabsichtigt, war der Effekt dramatisch.

Vogelgrippe ist grundsätzlich eine Geflügelseuche. Die WHO zählt weniger als 200 bestätigte menschliche Fälle von H5N1 und weniger als 100 Todesfälle, von denen die meisten auf Kontakt mit infiziertem Geflügel zurückgehen. Die große Sorge ist, dass H5N1 zu einer Form mutiert, die sich leicht von Mensch zu Mensch überträgt. In der Tat vermehren sich Influenzaviren wie verrückt, aber sehr "liederlich", wobei sie ständige Mutationen hervorbringen. Sobald Schreckensszenario einmal eintritt, könnten die Konsequenzen unmittelbar und schwerwiegend sein, da
davon ausgegangen wird, dass die meisten Menschen keine Antikörper gegen H5N1 haben.

Die Verlautbarung der WHO löste im Westen erstmals große Sorgen über die Vogelgrippe aus. Im Handumdrehen stand der Schweizer Arzneimittelgigant Roche im Rampenlicht. Roche hat die exklusive Lizenz, Tamiflu herzustellen (der Handelsname für Oseltamivir), ein antivirales Medikament, von dem man annimmt, dass es eine reduzierende Wirkung auf die Ausbreitung des Vogelgrippevirus bei Menschen habe. Es wurde von Gilead Sciences entwickelt und patentiert, einer Arzneimittelfirma in den USA, die dann an Roche die Exklusivrechte abgab, die Tabletten herzustellen. Mit großer gemeinschaftlicher Medienaufmerksamkeit, wurden Tamiflu - und Roche - schlagartig zur Antwort auf alle potentiellen Pandemien.

Es ist jedoch überhaupt nicht sicher, ob Tamiflu hilft, sollte eine menschliche Pandemie ausbrechen. Die Wirksamkeit des Mittels ist stark umstritten, und es zeitigt starke Nebenwirkungen. Es reduziert die Symptome der Influenza, es könnte, in geringer Dosis genommen, jedoch tatsächlich die Ausbreitung der Seuche verschlimmern, indem sich schneller Abwehrkräfte bilden und/oder dann die kranken Personen sich besser fühlen und die Ansteckungsgefahr für andere außer Acht lassen. Das Risiko der geringen Dosis ist sehr real. Ein Grund darin liegt im weltweiten Mangel an Tamiflu. Roches Version wird mit Shikimisäure hergestellt, die aus chinesischen Sternanis-Schoten hergestellt, die beste Qualität hiervon kommt aus nur 4 Provinzen in China (Ganze 90% dieser Produktion werden von Roche aufgekauft). Und Roche war bisher nicht willens, weitere Lizenzen zu den Produktionsrechten abzugeben. Der andere Grund ist der, dass Roche empfiehlt, Tamiflu vorsorglich gegen menschliche Influenza einzunehmen, auch wenn das nicht effektiv ist. Viele Leute in Vietnam, die Tamiflu eingenommen haben sind an H5N1 gestorben, denn das Medikament hilft nur, wenn es innerhalb der ersten 18 Stunden nach der Infektion eingenommen wird.

Geld verdienen mit dem Elend

Tamiflu war jedoch eine große Goldgrube für sein Hersteller. Das Patent gehört Gilead, während Roche die Exklusivlizenz besitzt. Roches Verkäufe von Tamiflu - einem Medikament das sich anfangs lt. WHO schleppend verkaufte - stiegen 2005 um 400%, während die Patenteinkünfte von Gilead um 166% wuchsen. In den USA ist die Medikamentenherstellung direkt mit den höchsten Regierungsebenen verbunden. Im November 2005 kündigte Bush eine Reihe von Maßnahmen an, um eine mögliche Pandemie zu bekämpfen. Dazu gehörte auch ein Umschlag mit 1,4 Milliarden USD, um Tamiflu einzukaufen. Dies war ein Geschenk, nicht nur für Roche und Gilead, sondern auch für Leute wie dem US-Verteidigungsminister, Donald Rumsfeld, Aufsichtsratsmitglied und früherer Vorstand von Gilead. Derzeit besitzt er Aktien im Wert von zwischen 5 Mio. und 25 Mio. USD von Gilead, das macht ihn möglicherweise zum Hauptaktionär. Andere Leute die von dieser Politik profitieren, sind die Aufsichtsratsmitglieder von Gilead, George Schultz, früherer US-Staatssekretär und Bush-Wahlberater Etienne Davignon, Vize-Vorsitzende von Suez-Tractebel und Ehrenvorsitzende von Bilderberg, und John W. Madigan, der unter anderem Mitglied des Verteidigungsausschusses ist, eines gemeinschaftlichen Beratungskollegiums für das Verteidigungsministerium.

Jenseits der unvermeidlichen Verschwörungstheorien entstand die größere Kontroverse aus der Lizenzpolitik von Roche. Der Druck, armen Ländern zu gestatten, Generika von Oseltamivir zu kaufen oder herzustellen, war groß. Einige 150 Generika-Hersteller und Regierungen haben um eine Unterlizenz nachgesucht. Roche, zwischen Gewehrlauf (schlechter PR) und Pistole (die eigenen Aktieninhaber), hielt sich zurück, trotz Druck von Gilead, von Seiten der Regierungen und sogar von Kofi Annan, der damit anrückte, dass er keine Wiederholung der Aids-Krise wollte. Letztendlich beschloss Roche, teilweise nachzugeben und wenige begrenzte Unterlizenzen auszugeben, aber der Schaden war geschehen. Einmal mehr trat der Konflikt zwischen exklusiven wirtschaftlichen Interessen, denen die Patente zugute kommen, und den höheren sozialen Interessen an der öffentlichen Gesundheit, die das Ziel der Regierungen sein sollte, offen zutage.

In der Zwischenzeit weigerte sich die Regierung der Ukraine - auf Anweisung ihrer großen Geflügelproduzenten, die pflichtgemäßen Impfprogramme oder Quarantänen in der Krimregion durchzuführen, wo die Vogelgrippe seit September 2005 gewütet hatte, um die potentiellen Verluste an Exporten an die EU zu verhindern. Die Regierung ignorierte zunächst die Berichte der Dorfbewohner, die begannen, sich über mysteriöses Geflügelsterben zu beschweren, und dann, als sie endlich etwas unternahm, wurde der Öffentlichkeit versichert, dass die Geflügelgrippeausbrüche sich auf Hinterhöfe beschränkt hätten, und dass Hühner von den großen Fabriken vollkommen unbedenklich seien. Unmittelbar danach erschienen die Nachrichten über drei Ausbrüche in großen Produktionsstätten auf der Krim. 52

Die Geflügelindustrie brüstet sich mit der "Biosecurity" ihrer Produktionsbetriebe. Ihre Rede ist, dass es einfach sei, ihre integrierten Systeme gegen die Vogelgrippe abzuriegeln.

Aber wieder und wieder findet die Vogelgrippe ihren Weg in dieses System und löst massive Ausbrüche in Massentierhaltungen aus: Australien (1976, 1985, 1992, 1997), USA (1993, 2002, 2004), GB (1991), Mexiko (1993-1995), Hong Kong (1997), Italien (1999), Chile (2002), Niederlande (2003), und Kanada (2004). Um nur einige Beispiele abseits von der gegenwärtigen Vogelgrippe-Krise aufzulisten. 2004 gab es eine Reihe von Ausbrüchen in diversen ultra-modernen Hühnerfarmen in Japan. Eine der größten Farmen im Land, informierte die Behörden nicht, als ihre Hühner in großer Zahl zu sterben begannen. Stattdessen wurde eine Ladung von 15.000 Vögeln vorzeitig ins Schlachthaus geschickt. Die Regierung erfuhr lediglich durch einen anonymen Hinweis von der Seuche. 53 Das Gleiche geschah in der Ukraine, wo eine der Geflügelfarmen auf der Krim von der Vogelgrippe befallen wurde und es eine Woche dauerte, bis die Behörden davon erfuhren. In der Zwischenzeit waren auch keine Vorsichtsmassnahmen getroffen worden. 54

Und erst kürzlich berichteten Behörden in Indien, dass kurz zuvor in einem Geflügelbetrieb des größten Geflügelunternehmens des Landes H5N1 ausbrach, und sich von da aus weiter ausbreitete. Die Distriktsverwaltung reagierte zwar prompt mit einer Anzeige der Venkateshwara Brüterei, wegen Verstoßes gegen das Polizeigesetz Bombays wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses und Bedrohung der Gesundheit", aber das Unternehmen behauptet weiterhin, sein Betrieb sei "biologisch sicher" und leugnet seine Beteiligung an der Verbreitung der Seuche. 55


 

Box 4: Wenn die Vogelgrippe Afrika erreicht...

Als ein Ausbruch von H5N1 im Februar 2006 in Nigeria bestätigt wurde, verwiesen die FAO und viele der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaften erneut auf die Zugvögel, auch wenn die infizierten Geflügelfarmen nicht in der Nähe von Zugvogelstationen in Feuchtgebieten lagen, und auch obwohl es keinerlei Hinweise auf Infektionen oder Massensterben unter den Wildvögeln der Region gab. 56

"Wenn es nicht die Wildvögel sind, dann ist das schwer zu verstehen" sagte Joseph Domenench von FAO. 57

Die Nigerianischen Behörden jedoch verwiesen sofort auf den Geflügelsektor, auf einen der größten und produktivsten in Afrika jenseits der Sahara. Und warum auch nicht? Es gibt einen Präzedenzfall. 2003, als die Vogelgrippe in den Niederlanden ausgebrochen war, importierte eine nigerianische Farm ungefähr 30.000 Bruteier aus einer der betroffenen Farmen in den Niederlanden. Glücklicherweise informierten die niederländischen Behörden ihre nigerianischen Geschäftspartner rechtzeitig über die Lieferung, um Maßnahmen gegen eine Ausbreitung auf andere Farmen zu ergreifen. Die Nigerianische Farm jedoch erkannte den Import zunächst an, leugnete ihn später und letztlich wurde behauptet, alle Eier wären zerstört worden. 58

Etwa um die gleiche Zeit brach unlängst die Vogelgrippe erneut auf einer einzelnen Geflügelfarm mit über 40.000 Tieren aus. Die Farm gehörte dem Landesminister für Sport und, wie ein nigerianischer Geflügelexperte GRAIN mitteilte, "solche Leute erledigen die Sachen halt auf "ihre Weise", indem sie den Gesetzen überhaupt keine oder nicht genug Aufmerksamkeit schenken". Wie sich herausstellte, hatte diese Farm keine registrierten Bruteier verwendet, was bedeutete, dass die Bruteier, die keinem Importbann für Geflügel unterliegen, vermutlich importiert waren, und möglicherweise kamen sie aus einem von der Vogelgrippe verseuchtem Land wie der Türkei, einem führenden Exporteure für Bruteier. 59

Die Seuche verbreitete sich von da aus auf andere Geflügelfarmen, wobei die örtliche Geflügelfarmervereinigung behauptete, dass auf ca. 30 Farmen in dem Gebiet ihrer Mitglieder über 150.000 Vögel eingegangen waren. 60 Ein betroffener Geflügelfarmer teilte der BBC mit, dass die großen Betriebe ihre kranken Tiere schnell auf den Markt werfen, um zukünftiger Quarantäne zu entgehen und noch einen schnellen Profit zu machen. "Hier haben die Farmer ihre kranken Vögel getötet. Die toten Hühner werden dann als Fleisch zum Verzehr auf den Markt gebracht. Das ist eine bewusste Gesundheitsgefährdung." sagte Geflügelfarmer Auwalu Haruna. 61

 

Der Vogelgrippe auf den Leib rücken

Sogar vor dem Auftreten der derzeitigen Vogelgrippe-Krise waren Geflügelfarmen bereits ein sozio-ökonomisches ebenso wie ein ökologisches Desaster. In den vergangenen Jahren war diese Industrie in der Lage, in Entwicklungsländern zu wachsen, jedoch nur durch die Auslagerung der Kosten und durch die Nutzung von monopolistischer Macht, um Arbeiter auszubeuten und Zulieferer durch Verträge zu binden. Die örtliche Bevölkerung müssen die Kosten tragen und die Profite gehen woanders hin, im gleichen Maße wie das Produkt selbst in reichere Länder exportiert wird.

Jetzt, nach den H5N1-Ausbrüchen, sterben Menschen als Folge dieser Produktionspraktiken, und das Problem wird sich nicht lösen, so lange sich industrielle Geflügelfarmen weiterhin ausbreiten und ohne Übernahme von Verantwortung arbeiten.

Die Vogelgrippe ist nur ein weiterer Skandal, die immer wieder auch auf anderen Sektoren der transnationalen Nahrungsmittelindustrie aufgetreten sind, von BSE bis zu Star Link™ Mais. 62 Es ist einfach beschämend, dass die Geflügelindustrie sich weitere Wachstumsmöglichkeiten auf dem Rücken der kleinen Farmer erobert.

In der Zwischenzeit ist die FAO, die sehr genau weiß wie wichtig Geflügelproduktion für die lokalen armen Kleinfarmer ist, bereits ein Komplize der industriellen Strategie geworden. Es wurde wenig unternommen, die kleine Geflügelhaltung vor grundlosen Anschuldigungen zu schützen. Und was noch schlimmer ist, sie stützt sich auf schwache Indizien, wenn sie uns glauben machen will, die kleinen Hinterhofhaltungen seien Teil des Problems. Die meisten Regierungen, im Norden wie im Süden, sind sehr häufig eng mit der mächtigen Industrie verbunden, und fanden das, entsprechend einer neo-liberalen orthodoxen Einstellung, auch völlig in Ordnung.

Es handelt sich hier um kein kleines Problem. H5N1 ist Realität, ebenso die Furcht vor einer menschlichen Pandemie. Wenn wir jedoch die Zugvögel- und Hinterhofhaltungs-Theorie akzeptieren und die Rolle der transnationalen Geflügelproduktion ignorieren, öffnen wir einer solchen Pandemie erst recht Tür und Tor. Die Strategie, H5N1 dadurch aufzuhalten, indem man genetisch vielfältige "Hinterhofbestände" zerstört und nur noch intensivere Geflügelproduktionen zu entwickeln, werden die Möglichkeit oder, wie manche meinen, die Wahrscheinlichkeit - einer von Mensch zu Mensch übertragbaren Version der tödlichen Vogelgrippe absurderweise nur noch verstärken. Diese wird von den großen Massentierhaltungen ausgehen, dem Herz der modernen globalisierten Geflügelproduktion u. des Geflügelhandels.

Die FAO hat in letzter Zeit den guten Willen gezeigt, etwas von der Zugvogeltheorie abzulassen und sich mehr mit der Rolle der industriellen Geflügelproduktion zu befassen. "Es ist sehr einfach, den Zugvögeln die Schuld zu geben, denn dafür ist niemand verantwortlich. Es ist möglich, dass Wildvögel den Virus einführen, aber durch menschliche Aktivitäten, wie dem Handel und dem Verkehr verbreitet sich dieser." sagt Juan Lubroth im Januar 2006. 63 Es wird jedoch nicht annähernd genug getan, um diese "menschlichen Aktivitäten" gezielt anzugehen oder eben zu identifizieren, die der Vogelgrippe-Krise zugrunde liegen.

Wenn die Vogelgrippe so ernstzunehmend ist, wie die WHO angibt, wenn Millionen von Menschen möglicherweise an einer H5N1-Pandemie sterben könnten, warum arbeitet die Industrie dann weiterhin mit so wenig Voraussicht, völlig ungestraft und mit solcher Unterstützung durch die Regierungen? Was die Menschen wirklich brauchen, ist ein adäquater und verstärkter Schutz vor der transnationalen Geflügelindustrie. Diesen wird es nur geben, wenn die zivile Gesellschaft einen starken und gemeinschaftlichen Druck ausüben, der den Medienrummel (od. auch Schwindel) und die Hysterie durchdringt. Die zivile Gesellschaft (die Verbraucher) muss/müssen sich auf die Seite der kleinen Produzenten, der "Hinterhofhalter" stellen und eine Nahrungsmittelproduktion fördern, bei der die Menschen und die Tiere vor dem Profit kommen.

Reuters

Über GRAIN

GRAIN ist eine internationale regierungsunabhängige Organisation, die das nachhaltige Management und das Nutzen von agrarwirtschaftlicher Biodiversität unterstützt, die auf der Kontrolle der Menschen über genetische Ressourcen und lokalem Wissen basiert. Für weitere Informationen besuchen Sie: www.grain.org


Quellen:

1 Hans Wagner, FAO-RAP, "Protecting the environment from the impact of the growing industrialization of livestock production in East Asia", APHCA 26th Session, Subang Jaya, Malaysia, 24-26 August 2002: http://www.fao.org/documents/show_cdr.asp?url_file=/docrep/005/ac801e/ac801e00.htm


2 H5N1 ist ein aviärer Influenza-Virus Subtypus, der einzige der zur Zeit im Zentrum der Furcht vor einer menschlichen Pandemie steht.

3 Isabelle Delforge, "The flu that made agribusiness stronger," Focus on the Global South, Bangkok, 4 July 2004: http://www.focusweb.org/main/html/Article367.html

4 Mark Henderson, "Scientists aim to beat flu with genetically modified chickens," The Times, London, 29 October 2005: http://www.timesonline.co.uk/article/0,,25149-1847760,00.html

5 A. Permin and M. Bisgaard, "The Scope and Effect of Family Poultry Research and Development: A general review on some important diseases in free-range chickens," Lead paper for the INFPD E-Conference: http://www.fao.org/ag/againfo/subjects/en/infpd/documents/econf_scope/add_paper11.html

6 FAO, "In Praise of Family Poultry", Agriculture 21, Rome, March 2002: http://www.fao.org/ag/magazine/0203sp1.htm and website for the International Network for Family Poultry Development: http://www.fao.org/ag/againfo/subjects/en/infpd/home.html

7 Tran Dinh Thanh Lam, "Bird Flu Strategy Will Hit Poultry Farmers", IPS, Ho Chi Minh City, 15 November 2005: http://domino.ips.org/ips%5Ceng.nsf/vwWebMainView/

8 A McLeod, N Morgan, A Prakash and J Hinrichs, "Economic and Social Impacts of Avian Influenza" FAO, Rome, November 2005: http://www.fao.org/ag/againfo/subjects/en/health/diseases-cards/avian_recomm.html ; Chanida Chanyapate and Isabelle Delforge, "The politics of bird flu in Thailand," Focus on the Global South, Bangkok, 20 April 2004: http://www.focusweb.org/content/view/273/29/

9 Elisabeth Rosenthal, "Bird flu threat takes away chickens' free range," International Herald Tribune, 9 December 2005.

10 A Stegemen et al., "Avian influenza A virus (H7N7) epidemic in the Netherlands in 2003: Course of the epidemic and effectiveness of control measures," Journal of Infectious Diseases, 2004, 190:2088-2095; ME Thomas et al, "Risk factors for the introduction of high pathogenicity Avian Influenza virus into poultry farms during the epidemic in the Netherlands in 2003," Preventative Veterinary Medicine, 2005, 69:1-11

11 A. McLeod, N. Morgan, A. Prakash, and J. Hinrichs, "Economic and Social Impacts of Avian Influenza" FAO, November 2005: http://www.fao.org/ag/againfo/subjects/en/health/diseasescards/avian_recomm.html

12 Nach Tests an mehr als 13.000 wilden Vögeln in den Sümpfen innerhalb der Vogelgrippe betroffenen Provinzen in China, identifizierten Wissenschaftler nur bei sechs Enten hochpathogene Vogelgrippeviren. Die gesamte Zusammenfassung der Studie: "Transmission within poultry is the major mechanism for sustaining H5N1 virus endemicity in this region." H Chen et al., "Establishment of multiple sublineages of H5N1 influenza virus in Asia: Implications for pandemic control," PNAS early edition, Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, Washington DC, 10 February 2006: http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0511120103

13 FAO and OIE, in collaboration with WHO, "A Global Strategy for the Progressive Control of Highly Pathogenic Avian Influenza (HPAI)," November 2005: http://www.fao.org/ag/againfo/resources/documents/empres/AI_globalstrategy.pdf

14 BirdLife International, "Wild birds 'victims not vectors'", Cambridge, 8 December 2005: http://www.birdlife.org/news/news/2005/12/flu_migration.html ; FAO, "Fish feed formulation and Production; A report prepared for the project Fisheries Development in Qinghai Province," Rome, November 1990: http://www.fao.org/docrep/field/003/U4173E/U4173E00.htm.

15 Melville, D and K Shortridge "Reflection and Reaction," The Lancet Infectious Diseases, Vol 4, 2004, pp 261-262.

17 BirdLife International, "Are high risk farming practices spreading avian flu?", press release, Cambdridge, 18 January 2006: http://www.birdlife.org/news/news/2006/01/flu_agriculture.html

18 Op cit (note 14).

19 Suarez DL, Senne DA, Banks J, Brown IH, Essen SC, Lee C-W, et al, "Recombination resulting in virulence shift in avian influenza outbreak, Chile", Emerging Infectious Diseases, April 2004: http://www.cdc.gov/ncidod/EID/vol10no4/03-0396.htm ; DL Suarez, "Evolution of avian influenza viruses", Veterinary Microbiology, 22 May 2000, 74(1-2):15-27; Toshihiro Ito et al, "Generation of a Highly Pathogenic Avian Influenza A Virus from an A-virulent Field Isolate by Passaging in Chickens," Journal of Virology, May 2001, 75(9): 4439-4443. "Newcastle Disease Virus, Mutation - Australia", proMED, 7 December 1998.

20 FAO and OIE, in collaboration with WHO, op cit (p17 and p22).

21 Newcastle Krankheit (NK), Atypische Geflügelpest

22 Lebensmittelsicherheit und Hygiene

24 "Newcastle Disease Virus, Mutation - Australia", proMED, 7 December 1998.

26 Interview with Dr Joseph Domenech, Chief Veterinary Officer, FAO, 24 January 2006.

27 USDA, "Laos: Poultry and Products - Avian Influenza," GAIN Report, US Department of Agriculture, Washington DC, 16 March 2005.

28 A. McLeod, N. Morgan, A. Prakash, and J. Hinrichs; op cit (note 8).

29 Ib.

30 Op cit (note 1)

31 FAO, "Loss of domestic animal breeds alarming," Rome, 31 March 2004: http://www.fao.org/newsroom/en/news/2004/39892/

35 Dr Joseph Domenech, FAO, op cit (note 26).

36 Aaron Glantz and Ngoc Nguyen, "Factory fowl no answer to bird flu," Asia Times, 5 November 2005: http://www.atimes.com/atimes/Southeast_Asia/GK05Ae01.html

37 J Rushton, R Viscarra, E Guerne Bleich and A McLeod, "Impact of avian influenza outbreaks in the poultry sectors of five South East Asian countries (Cambodia, Indonesia, Lao PDR, Thailand, VietNam): Outbreak costs, responses and potential long-term control," FAO, TCP/RAS/3010: http://www.hewsweb.org/downloads/avian_flu/docs/pdf/impacts.pdf

38 DVB, "No avian flu in Burma but we are still looking for it, says vet", Democratic Voice of Burma, 1 April 2005: http://english.dvb.no/news.php?id=4399

40 J. Rushton, R. Viscarra, E. Guerne Bleich and A. McLeod, op. cit. (note 37); Isabelle Delforge, "The flu that made agribusiness stronger," Focus on the Global South, Bangkok, 4 July 2004: http://www.focusweb.org/main/html/Article367.html

41 "News shorts", Meat Processing, Mount Morris, 2 December 2003: http://www.meatnews.com/index.cfm?fuseaction=PArticle&artNum=6569

42 USDA, "Poultry Export Guide: Poland, Ukraine, Estonia, Latvia," Washington DC, September 1998: http://www.ams.usda.gov/tmd/mta_reports/poulexgu.pdf

44 Elisabeth Rosenthal, "Why do some Turks have bird flu virus but aren't sick?" International Herald Tribune, 11 January 2006.

45 J. Lubroth, Senior Officer, FAO, "Audio interview: Control campaign in Turkey [Press conference]", Rome, January 2006: http://www.fao.org/ag/againfo/subjects/en/health/diseasescards/special_avian.html and Elisabeth Rosenthal, "UN Aide urges flu transit checks" International Herald Tribune, Paris, January 17, 2006.

46 According to the US Food and Drug Administration, "Poultry litter consists of bedding, spilled feed, feathers, and fecal matter. It is a common ingredient in animal feed." http://www.fda.gov/ora/about/enf_story/ch5/cvm1.htm

47 In Indonesia, chicken feed contains on average 3% "animal by-product meal":

49 "Kurgan province will suffer more from bird influenza than other regions," Regnum, Moscow, 10 October 2005: http://www.regnum.ru/news/medicine/525941.html

50 CPAS, "Indonesia to revise laws barring access to poultry farms," AgroIndonesia, 25 October 2005: http://www.agroindonesia.com/agnews/eng/2005/October/25%20October%2001.html

51 Chanida Chanyapate and Isabelle Delforge, op cit (note 8).

52 5 Kanal, "Criminal charges laid in flu outbreak in Crimean factories," 5TV, Kiev, 10 January 2006 http://www.5tv.com.ua/eng/newsline/184/0/19445/

53 "Lapses in halting avian flu," Editorial, The Japan Times, Tokyo, 3 March 2004

54 5 Kanal, "Crimea: Prosecutors lay charge in bird flu mishandling," 5TV, Kiev, 12 January 2005: http://www.5tv.com.ua/eng/newsline/184/0/19487/

55 "Hatcheries put on notice," The Stateman, Kolkata, 21 February 2006: http://www.thestatesman.net/page.news.php?clid=2&theme=&usrsess=1&id=107510

56 David Brown, "Poultry, Not Wild Birds, Most Often Carries Deadly Avian Flu to Africa," Washington Post, 16 February 2006.

57 Jia-Rui Chong, "African Bird Flu Case Confirmed", Los Angeles Times, 9 February 2006: http://www.latimes.com/news/printedition/asection/la-sci-birdflu9feb09,0,7038039.story

58 Olukayode Oyeleye, "FG Confirms Importation Of Infected Eggs As Institute Backs Poultry Farmers," The Guardian, Lagos, 8 June 2003.

59 According to Chief Olatunde Badmus, National Chairman of the Poultry Association of Nigeria, "Records have shown that the birds from the Kano and Kaduna cases were not from registered hatcheries," The Punch, Lagos, 15 February 2006: http://www.punchng.com/politics/article02

60 Charles Ozoemena and Tina Anthony, "Bird flu spreading South," The Vanguard, Lagos, 14 February 2006.

61 BBC, "Nigerian bird farmer warns of health risks", London, 8 February 2006: http://news.bbc.co.uk/1/low/world/africa/4693850.stm

62 http://www.transgen.de/sicherheit/allergien/35.doku.html

63 J. Lubroth, Senior Officer, FAO, op cit (note 45).

Originaltext von http://www.grain.org
Übersetzt im März 2006 von www.huehner-info.de
Vogelgrippe - die Rolle der Geflügelindustrie

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